7. Februar – 10. Mai 2026
Johannes Büttner, Catherina Cramer
Ausstellung
Sequenz I von DISSOLUTIONS
7. Februar – 10. Mai 2026
Eröffnung am 6. Februar 2026, 18 Uhr
DISSOLUTIONS setzt das Prinzip der Auflösung und Verflüchtigung einem um sich greifenden Kapitalismus und sich verfestigenden Machtgefälle entgegen. Als Folge zeigen die Künstler*innen des Jahresprogramms keine Rettungsversuche, sondern den entschiedenen Zerfall bestehender Verhältnisse – sowie die Heimsuchungen, Fantasien und Vorstellungen vergangener und zukünftiger Zeiten. Daraus wachsen sich verändernde Konstellationen aus Installation, Performance, Video und Gespräch; Wiederholung und Unterbrechung bestimmen den Rhythmus des Programms.
Die erste Sequenz des Jahresprogramms ist eine Duo-Ausstellung von Catherina Cramer und Johannes Büttner , deren raumgreifende Welten sich zwischen der realen Abgründigkeit neoliberaler Ausbeutungsverhältnisse – die durch die kulturpolitischen Sparmaßnahmen aktuell besonders spürbar werden – und den Imaginationen möglicher Gegenwelten bewegen.
Das Archivmaterial des Ausstellungsortes seit 2024 kontinuierlich in neue Kontexte setzend, zeigt das Material nun seine eigene Vergänglichkeit der Nutzung, Sortierung und Unordnung – und legt damit scheinbare Nebensächlichkeiten offen.
Kuratiert von Natalie Keppler & Agnieszka Roguski
Veranstaltungen:
27.02.2026
18:00 Führung mit Johannes Büttner und Natalie Keppler
10.4.2026
18:00 Führung mit Agnieszka Roguski
19:00 Konzert / Soundtrack des Films Do Not Go Gentle Into That Good Night von Catherina Cramer & Sabine Bremer
Über die Kunstwerke
Catherina Cramer
Indexical, 2026
Installation, Index-Arbeiten (Fundstücke auf Leinen), Soft Sculpture, Licht
Die installativen Settings von Catherina Cramer sind Welten voller Anspielungen und Referenzen; Bild, Text und Skulptur verschränken sich. Das Zentrum dieser zwischen Film, Comic und Science Fiction-Thriller angelegten Szenarien ist der – als solche abwesende – menschliche Körper. Cramer untersucht ihn als Träger und Verkörperung von Krankheiten. Dabei erforscht sie keine medizinischen Normen, sondern welchen Narrativen diese unterliegen. Das fast kriminologische Vorgehen baut auf Versatzstücken diverser Fundstücke, Textfragmente und Materialien auf und folgt weniger einer linearen Erzählung als einer Spurensuche. Migräne und das chronische Fatigue-Syndrom bilden dabei den narrativen Kulminationspunkt: Cramer zeigt, wie diese Zustände als Krankheiten kategorisiert werden und die Leistungsfähigkeit von Körpern bemessen. Um die Dimensionen dieser Körperpolitik aufzuzeigen, unterstreicht Cramer die Fiktionen und Geschichten, die eine vermeintliche Kontrolle behaupten. Diese werden durch die sichtbaren Nähte und Risse durchkreuzt, die, geritzt und geklebt, die Einschreibungen von Krankheit in Körper zeigen. Fühlbare Fantasien, die scheinbar nicht passen können oder wollen, füllen die Installation – hier in Form eines gigantischen, vielleicht schlafenden, vielleicht kollabierten Teddybären, auf dem Besuchende Platz nehmen können, um die Wandarbeiten zu betrachten. Sie erzählen von etwas glänzend Neuem, das gerade in seiner Bruchstückhaftigkeit einen Zusammenhang bildet. Krankheit wird damit von einer individuellen Mangelerscheinung zu einem sozialen Tatbestand, in den Abweichungen genauso integriert werden wie Verletzlichkeiten und Humor. Der erschöpfte Körper, so lässt sich daraus schließen, ist kein persönliches Defizit, sondern legt seine Möglichkeiten der Fürsorge düster und zugleich leuchtend offen – und widersetzt sich damit dem neoliberalen Imperativ allgegenwärtiger Leistungsbereitschaft sowie der binären Einteilung in gesunde oder kranke Daseinsformen.
Johannes Büttner
L’ État, c’ est moi, 2025/26
Videoinstallation (45 Min.), Computerprogramm, Mikrowellen, Gipsabdrücke, Wandschränke, Uhren, Uhrenhalter, Holzrelief
How to get through, 1995/2025
Videoinstallation (30 Min. Videoloop), Flugzeugsitze, Kopfhörer, Europalette, Anstecknadeln der antirassistischen Arbeitsinitiative „Die Gelbe Hand“, Holz, PVC-Boden
Surrende Mikrowellen türmen sich im Kunst Raum Mitte zu einer Stadt aus Geräten – sie beschleunigen die Zeit zwischen Fortschritt und Zerfall. In der Videoarbeit L’État, c’est moi (dt.: „Der Staat bin ich“) geht Johannes Büttner der Gründung des anarcho-kapitalistischen Pseudostaats der sogenannten „Freien Republik Liberland“ nach, der sowohl geografisch – auf einem Stück Niemandsland zwischen Serbien und Kroatien – als auch digital im Metaverse existiert. Der starke Kontrast zwischen einer vom Architekturbüro Zaha Hadid entworfenen futuristischen Luxuswelt und einem sumpfigen Waldgebiet wird im Video immer extremer sichtbar. Indem Büttner eine Computerspiel-Ebene über die dokumentarischen Aufnahmen legt und durch die autoritär-libertären bis rassistischen Charaktere, die ihm begegnen, oszillieren Realität und Fiktion: Irrationalität und Verblendung werden schmerzlich deutlich. Was als Zukunftsversprechen auftritt, erscheint am Ende als Rückfall in den Tech-Feudalismus.
1995 durchtrennte die Gruppe Keine Verbindung e.V. Datenkabel im Informationsnetzwerk des Frankfurter Flughafens und legte das System mit dieser analogen Cyberattacke zeitweise lahm – als Protest gegen rassistische Politik und die Abschiebepraxis der Bundesrepublik, die sich am Flughafen in eigens eingerichteten „Abschiebezonen“ verdichtete. Danach zirkulierte unter dem Namen How to get through ein Video der Gruppe, das zugleich Manifest und Anleitung des Angriffs war. Büttner holt dieses Geschichte aus dem subkulturellen Gedächtnis in die Gegenwart und macht sichtbar, wie sie sich knapp dreißig Jahre später als aktuelle Politik der Abschottung und Abschiebung erneut aufdrängt: in der Normalisierung rassistischer Gewalt. Indem How to get through den Blick auf sogenannte Sonderverwaltungszonen richtet – auch in Verbindung mit L’État c’est moi – wird die Willkür staatlichen Handelns und nationaler Souveränität besonders deutlich. Büttner übergibt das Manifestvideo schließlich dem Archiv des Frankfurter Flughafens, wodurch die Geschichte nicht bloß erinnert, sondern als Störung ins System eingeschrieben wird. Der Ort der Abschiebung wird zum Ort der Speicherung selbst.
Sequenz I von DISSOLUTIONS
7. Februar – 10. Mai 2026
Eröffnung am 6. Februar 2026, 18 Uhr
DISSOLUTIONS setzt das Prinzip der Auflösung und Verflüchtigung einem um sich greifenden Kapitalismus und sich verfestigenden Machtgefälle entgegen. Als Folge zeigen die Künstler*innen des Jahresprogramms keine Rettungsversuche, sondern den entschiedenen Zerfall bestehender Verhältnisse – sowie die Heimsuchungen, Fantasien und Vorstellungen vergangener und zukünftiger Zeiten. Daraus wachsen sich verändernde Konstellationen aus Installation, Performance, Video und Gespräch; Wiederholung und Unterbrechung bestimmen den Rhythmus des Programms.
Die erste Sequenz des Jahresprogramms ist eine Duo-Ausstellung von Catherina Cramer und Johannes Büttner , deren raumgreifende Welten sich zwischen der realen Abgründigkeit neoliberaler Ausbeutungsverhältnisse – die durch die kulturpolitischen Sparmaßnahmen aktuell besonders spürbar werden – und den Imaginationen möglicher Gegenwelten bewegen.
Das Archivmaterial des Ausstellungsortes seit 2024 kontinuierlich in neue Kontexte setzend, zeigt das Material nun seine eigene Vergänglichkeit der Nutzung, Sortierung und Unordnung – und legt damit scheinbare Nebensächlichkeiten offen.
Kuratiert von Natalie Keppler & Agnieszka Roguski
Veranstaltungen:
27.02.2026
18:00 Führung mit Johannes Büttner und Natalie Keppler
10.4.2026
18:00 Führung mit Agnieszka Roguski
19:00 Konzert / Soundtrack des Films Do Not Go Gentle Into That Good Night von Catherina Cramer & Sabine Bremer
Über die Kunstwerke
Catherina Cramer
Indexical, 2026
Installation, Index-Arbeiten (Fundstücke auf Leinen), Soft Sculpture, Licht
Die installativen Settings von Catherina Cramer sind Welten voller Anspielungen und Referenzen; Bild, Text und Skulptur verschränken sich. Das Zentrum dieser zwischen Film, Comic und Science Fiction-Thriller angelegten Szenarien ist der – als solche abwesende – menschliche Körper. Cramer untersucht ihn als Träger und Verkörperung von Krankheiten. Dabei erforscht sie keine medizinischen Normen, sondern welchen Narrativen diese unterliegen. Das fast kriminologische Vorgehen baut auf Versatzstücken diverser Fundstücke, Textfragmente und Materialien auf und folgt weniger einer linearen Erzählung als einer Spurensuche. Migräne und das chronische Fatigue-Syndrom bilden dabei den narrativen Kulminationspunkt: Cramer zeigt, wie diese Zustände als Krankheiten kategorisiert werden und die Leistungsfähigkeit von Körpern bemessen. Um die Dimensionen dieser Körperpolitik aufzuzeigen, unterstreicht Cramer die Fiktionen und Geschichten, die eine vermeintliche Kontrolle behaupten. Diese werden durch die sichtbaren Nähte und Risse durchkreuzt, die, geritzt und geklebt, die Einschreibungen von Krankheit in Körper zeigen. Fühlbare Fantasien, die scheinbar nicht passen können oder wollen, füllen die Installation – hier in Form eines gigantischen, vielleicht schlafenden, vielleicht kollabierten Teddybären, auf dem Besuchende Platz nehmen können, um die Wandarbeiten zu betrachten. Sie erzählen von etwas glänzend Neuem, das gerade in seiner Bruchstückhaftigkeit einen Zusammenhang bildet. Krankheit wird damit von einer individuellen Mangelerscheinung zu einem sozialen Tatbestand, in den Abweichungen genauso integriert werden wie Verletzlichkeiten und Humor. Der erschöpfte Körper, so lässt sich daraus schließen, ist kein persönliches Defizit, sondern legt seine Möglichkeiten der Fürsorge düster und zugleich leuchtend offen – und widersetzt sich damit dem neoliberalen Imperativ allgegenwärtiger Leistungsbereitschaft sowie der binären Einteilung in gesunde oder kranke Daseinsformen.
Johannes Büttner
L’ État, c’ est moi, 2025/26
Videoinstallation (45 Min.), Computerprogramm, Mikrowellen, Gipsabdrücke, Wandschränke, Uhren, Uhrenhalter, Holzrelief
How to get through, 1995/2025
Videoinstallation (30 Min. Videoloop), Flugzeugsitze, Kopfhörer, Europalette, Anstecknadeln der antirassistischen Arbeitsinitiative „Die Gelbe Hand“, Holz, PVC-Boden
Surrende Mikrowellen türmen sich im Kunst Raum Mitte zu einer Stadt aus Geräten – sie beschleunigen die Zeit zwischen Fortschritt und Zerfall. In der Videoarbeit L’État, c’est moi (dt.: „Der Staat bin ich“) geht Johannes Büttner der Gründung des anarcho-kapitalistischen Pseudostaats der sogenannten „Freien Republik Liberland“ nach, der sowohl geografisch – auf einem Stück Niemandsland zwischen Serbien und Kroatien – als auch digital im Metaverse existiert. Der starke Kontrast zwischen einer vom Architekturbüro Zaha Hadid entworfenen futuristischen Luxuswelt und einem sumpfigen Waldgebiet wird im Video immer extremer sichtbar. Indem Büttner eine Computerspiel-Ebene über die dokumentarischen Aufnahmen legt und durch die autoritär-libertären bis rassistischen Charaktere, die ihm begegnen, oszillieren Realität und Fiktion: Irrationalität und Verblendung werden schmerzlich deutlich. Was als Zukunftsversprechen auftritt, erscheint am Ende als Rückfall in den Tech-Feudalismus.
1995 durchtrennte die Gruppe Keine Verbindung e.V. Datenkabel im Informationsnetzwerk des Frankfurter Flughafens und legte das System mit dieser analogen Cyberattacke zeitweise lahm – als Protest gegen rassistische Politik und die Abschiebepraxis der Bundesrepublik, die sich am Flughafen in eigens eingerichteten „Abschiebezonen“ verdichtete. Danach zirkulierte unter dem Namen How to get through ein Video der Gruppe, das zugleich Manifest und Anleitung des Angriffs war. Büttner holt dieses Geschichte aus dem subkulturellen Gedächtnis in die Gegenwart und macht sichtbar, wie sie sich knapp dreißig Jahre später als aktuelle Politik der Abschottung und Abschiebung erneut aufdrängt: in der Normalisierung rassistischer Gewalt. Indem How to get through den Blick auf sogenannte Sonderverwaltungszonen richtet – auch in Verbindung mit L’État c’est moi – wird die Willkür staatlichen Handelns und nationaler Souveränität besonders deutlich. Büttner übergibt das Manifestvideo schließlich dem Archiv des Frankfurter Flughafens, wodurch die Geschichte nicht bloß erinnert, sondern als Störung ins System eingeschrieben wird. Der Ort der Abschiebung wird zum Ort der Speicherung selbst.